Abschied zu Lebzeiten
"Die Brücke zwischen dem Land der Lebenden
und dem Land der Toten ist die Liebe", Thornton Wilder
Gestaltung einer persönlichen Trauerfeier für: Gerhard Müller, Solocellist
Wie eine persönliche Trauerfeier-Gestaltung entsteht
Es ist
Arbeitstag wie viele Tage im Leben einer Biographin, als mein Telefon
läutet. Der Anrufer stellt sich als Herr Müller vor
und möchte zu Lebzeiten seinen Abschied selbst gestalten. Wir
vereinbaren einen ersten Termin, um seine Wünsche genauer zu
formulieren.Unglaublich nett werde ich von dem Ehepaar Müller auf dem idyllischen Grundstück in Waldesnähe empfangen. Er wirkt klein, zerbrechlich und von Krankheit gezeichnet. Doch in seinen blauen Augen sprüht das Feuer eines wachen Geistes und sie erzählen von einem Menschen, der mit starkem Willen sein Leben anpackt, formt und lebt. Frau Müller ist ganz aufgelöst, weint leise vor sich hin und kann gar nicht verstehen, was sich ihr Mann da wieder ausgedacht hat. "Nein, so was macht man doch nicht! Das ist doch ... " schluchzt sie vor sich hin.
Ihr Mann sitzt derweil still und ruhig da und lässt seine Frau reden. Dann berichtet er mir von den vielen Schicksalsschlägen der letzten Jahre und dass nun ein unheilbares Leiden seinem Leben eine nahe Begrenzung setzt. Das sei ein schwerer Schlag für ihn gewesen, doch er ist Realist und als solcher greift er dem Schicksal in den Rachen und sieht, was daraus zu machen ist. Neben vielen Dingen sei es ihm wichtig, über seinen Abschied nachzudenken. Weil, er habe einfach so viele furchtbare Reden gehört, dass er selbst entscheiden will, was da über ihn gesprochen wird. Während er das erzählt, holt er aus einer Schublade einen Zeitungsartikel heraus. "Abschied gehört zum Leben" steht in der Überschrift dieses Artikels. Er hat vor zwei Jahren über mich und meine Arbeit berichtet, erzählt von meinen eigenen Erfahrungen, meinem daraus resultierenden Weg als Biographin und Abschiedsgestalterin.
Herr Müller wünscht sich die Rednerin in klassischem Schwarz.
Foto: Foto Arppe
Das habe ihn überzeugt, dass ich die Richtige bin, um seinen Wünschen Ausdruck zu verleihen. Sodann schiebt er mir die von Freunden gefertigten Unterlagen seines 80sten Geburtstages zu. Das Eis ist gebrochen und wir besprechen, wobei ich ihn auf dem Wege der Abschiedsgestaltung unterstützen soll. Frau Müller hat sich gefangen und schenkt uns allen Kaffee ein. Während der nächsten zwei Monate treffen wir uns dreimal, um den Ort der Abschiedsfeier festzulegen, den Bestatter und die Bestattungsart auszuwählen, über stationäres, ambulantes Hospiz und die Patientenverfügung zu sprechen und den Ablauf der Feier mitsamt den einzuladenden Gäste festzulegen. Als Musiker ist es sein Wunsch, dass auf seinem Abschiedsfest ein Quartett aufspielt. Gern würde er es sehen, dass seine Tochter diese Aufgabe übernimmt. "Ihr ist noch unklar, ob ihre Kraft reicht." mischt sich Frau Müller ein.
Wichtigster Bestandteil der Abschiedsfeier ist die Rede. Behutsam taste ich mich während unserer Gespräche bei Herrn und Frau Müller voran, um etwas über den Menschen Müller zu erfahren. Es ist schwer, über Leben und Sterben nachzudenken, sich mit seiner Endlichkeit auseinander zu setzen, wenn Gevatter Tod an die Tür geklopft hat, um sein Kommen anzukündigen. Stück für Stück kommen wir voran, halten inne, um weiter dem eingeschlagenen Pfad zu folgen. Beeindruckt höre ich zu, wenn Herr Müller Resümee zieht:
"Ich bin dem Sensenmann dreimal von der Schippe gehopst und habe doch ein schönes Alter erreicht und dabei mein Leben genossen. In meinem tatenreichen, aktiven Leben habe ich viel geschafft und etwas geschaffen. Ich freue mich, dass ich die Liebe zur Musik in meiner Familie weitertragen konnte, und es ist mir wichtig, etwas von Wert und Bestand zu hinterlassen."
Herr Müller besitzt einen hintergründigen Humor, der sich spöttisch aufblitzend in seinen blauen Augen widerspiegelt. Aus diesem Grunde gibt es trotz aller Traurigkeit immer wieder etwas zu lachen. Herr Müller liebt Autofahren über alles und so würde er gern mit seinem eigenen Auto zu seiner Beerdigung fahren. Gespannt folge ich den Ausführungen von Herrn Müller, der sein Leben der Musik verschrieben hat und ein Musikus aus Leib und Seele ist. Als kleiner fünfjähriger Steppke bekam er eine Ziehharmonika geschenkt, der wenig später eine kleine Violine, eine sogenannte 3/4 Geige, folgte. Sein Weg schien vorgeschrieben, bis der Krieg ihn zu anderen Aufgaben zwang. Doch unaufhaltsam setzte er sich nach Kriegsende für seinen Weg ein und war 42 Jahre später ein geachtetes und geschätztes Mitglied seines Klangkörpers. Sich für seine Mitmenschen einzusetzen, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen: "auch gern gegen vorherrschende Meinungen, das sei ihm wichtig gewesen" betont er ein ums andere Mal. Doch über sich selber zu reden falle ihm schwer. " In den Unterlagen steht doch alles." wie er mir wiederholt sagt. Während unserer Gespräche versuche ich, die Fragen herauszuhören und die für diese Person stimmigen Antworten zu finden. Oft ist es die Frage nach dem Sinn von allem. Für Herrn Müller fand ich bei Kurt Schleiermacher die treffende Antwort:
"Der Sinn des Lebens ist, in jedem Augenblick ewig zu sein. Die einzig wahre Unsterblickeit ist jene, die wir schon in diesem Leben vollständig besitzen können. Persönliches Überleben ist irreal oder wertlos. Was wir brauchen, ist ein tiefes, nicht ein langes Leben."
In meinem stillen Kämmerlein erarbeite ich dann aus allen gesammelten Informationen die "maßgeschneiderte Rede" für Herrn Müller. Sie ist dann gelungen, wenn sie die Essenz aus zuhören, nachfragen, reflektieren, rotem Faden, klagen, Gedenken und Danken enthält und der Kunde sich darin wieder findet. Manchmal holperte es auf unserem Weg, der von starken Emotionen gepflastert war. Doch am Ende stand alles so geschrieben wie es gewünscht war. Auch für Frau Müller ist berührt, weil es dank aller Beteiligten eine "ganz persönliche" Rede und Abschiedsgestaltung geworden ist. Beiden ist schwer ums Herz ob des nahen Abschieds, doch sie fühlen eine Last genommen, weil nun alles geregelt ist.
Nachsatz
Herr Müller ist mittlerweile verstorben. Alles geschah seinen Wünschen entsprechend. Selbstverständlich an einem besonderen Ort, ein prachtvoller Rahmen für die Abschiedsfeier eines Künstlers:das Jagdschloss Gelbensande.
Durch die minutiösen Planungen des Herrn Müller waren sein Geist und seine Persönlichkeit hautnah zu spüren. Seine erste Ziehharmonika, die ihm die Tür zur Welt der Musik öffnete, stand in Glas gefasst, auf seine Anordnung hin, neben seiner Urrne. Seine Tochter, die als Violinistin in die musikalischen Fußstapfen ihres Vaters getreten war, spielte mit ihrem Quartett die Musik, die er sich gewünscht hatte.
"Es fiel schwer. Doch es war gut und tat gut, dass für Vati zu tun", wie sie mir später sagte. "Denn ausschlaggebend ihm habe ich zu verdanken, was ich heute bin."
Als ich während der Rede über die gemeinsam mit Herrn Müller vorbereitete Feier sprach, horchten die Menschen auf und als ich dann zu dem Satz kam, der ganz markant für den Solobassisten war:
"Das ist doch wieder mal typisch Müller"
nickten alle so, als wollten sie just in diesem Moment diesen Satz aussprechen... Ganz so, wie es sich der Musiker vorgestellt hatte ...





